In den großen Häfen entlang der Südostküste Chinas werden in einem fort Elektrofahrzeuge aus heimischer Produktion auf Autotransportschiffe verladen, die in alle Teile der Welt auslaufen. Für die Hersteller von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben (New Energy Vehicles, NEV) in China ist der Export fertiger Autos jedoch nicht mehr das große Ziel, sondern lediglich der erste Schritt.
Ein Mann testet das neu vorgestellte Modell MONA L03 von Xpeng bei einer Präsentation in München am 16. Juli 2026. (Xinhua)
Als mittlerweile weltweit größter Exporteur von NEVs gestaltet China derzeit seine globale Strategie rasant um und setzt statt auf Produktexporte immer mehr auf Lokalisierung und vernetzte Ökosysteme als Grundlage des globalen Wachstums der Branche. Für viele Länder bedeutet dieser Wandel mehr als nur erschwingliche Elektroautos. Er bringt neue Investitionen, lokale Arbeitsplätze und schnellere Fortschritte bei der eigenen Energiewende mit sich.
Offizielle Daten des chinesischen Automobilherstellerverbands China Association of Automobile Manufacturers (CAAM) zeigen einen Anstieg der NEV-Exporte Chinas von 1,284 Millionen im Jahr 2024 auf 2,615 Millionen im Jahr 2025, was einer Steigerung von 103,7 Prozent entspricht. Im ersten Halbjahr 2026 beliefen sich die Ausfuhren auf 2,355 Millionen Einheiten. Damit stieg das Volumen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 120 Prozent. Die NEVs haben sich so zu einem wichtigen Motor des chinesischen Exportwachstums entwickelt.

Eine Drohnenaufnahme vom 29. Mai 2026 zeigt NEVs vor der Verschiffung im Hafen von Nantong in der ostchinesischen Provinz Jiangsu. (Xinhua/Ji Chunpeng)
Verkäufe im Ausland nehmen an Fahrt auf
Chinesische Elektrofahrzeuge gelten nicht mehr als billige Alternative, sondern sind in puncto Leistung, intelligenter Ausstattung und Design durchaus konkurrenzfähig.
Das Unternehmen XPENG Motors zählt zu den Vorreitern der Branche. Im Jahr 2025 lieferte der Hersteller über 45.000 Fahrzeuge ins Ausland; ein Plus von 96 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Fast die Hälfte der Verkäufe entfiel auf Europa, doch auch der asiatisch-pazifische Raum wuchs erheblich, während ein Drehkreuz in Ägypten den Markt im Nahen Osten und in Afrika stabilisierte. Im März 2026 stellte XPENG Motors einen Dreijahresplan vor, bis 2028 die gesamte lateinamerikanische Region abzudecken, mit Mexiko als Ausgangspunkt.
Diese Dynamik teilt auch die GAC Group, die Auslandsmärkte als einen wichtigen Wachstumsmotor für ihre Umstrukturierung betrachtet. In der ersten Hälfte dieses Jahres exportierte die GAC Group 121.500 Fahrzeuge ihrer eigenen Marken, was einem Anstieg von 132 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspricht.
Im Nahen Osten haben Modelle wie der GAC Trumpchi und der GAC HYPTEC aufgrund ihrer zuverlässigen Qualität und modernen Technologie das Vertrauen lokaler Kunden gewonnen. In Südostasien unterstützen die dortigen Montagewerke die Produktion und den Vertrieb vor Ort, während das Unternehmen in Europa auf intelligente Oberklasse-NEVs setzt.
Chen Jiacai, stellvertretender Geschäftsführer der GAC-Gruppe, erklärt: „Auslandsmärkte sind für uns ein wichtiger Wachstumsmotor. Unser Ziel ist es, GAC-Produkte global noch stärker zu etablieren.“ Ziel sind 250.000 exportierte Fahrzeuge im Jahr 2026 und eine Million 2030. Bis dahin will das Unternehmen in 120 Ländern und Regionen vertreten sein.
Arbeiter im Fertigungskomplex von BYD in Camaçari im brasilianischen Bundesstaat Bahia, 12. Juni 2026. (Xinhua/Jin Haoyuan)
Vom Export zur Lizenzierung von Technologien
Die Ambitionen führender chinesischer Automobilhersteller wie BYD, GAC und XPENG reichen weit über das reine Absatzvolumen hinaus. Sie vollziehen derzeit einen Wandel vom Produktexport hin zur Vergabe von Technologielizenzen, zu lokaler Fertigung und dem Aufbau starker Marken. So schaffen die Unternehmen ein nachhaltigeres und umfassenderes Modell für die globale Expansion.
Della Hernita, eine Universitätsangestellte in Jakarta, hat zusammen mit ihrem Ehemann kürzlich ein Elektroauto der Marke BYD bestellt. „Zunächst haben wir nur die Kosten für das tägliche Pendeln berechnet. Später haben wir festgestellt, dass auch die Unterhaltskosten geringer sind, was sich langfristig spürbar auswirkt. Und natürlich möchten wir auch umweltfreundlicher unterwegs sein.“
Von Jakarta bis Surabaya erfreuen sich chinesische NEVs bei indonesischen Familien zunehmend großer Beliebtheit. Die steigende Nachfrage hat chinesische Automobilhersteller dazu veranlasst, ihre globale Strategie neu auszurichten: Sie errichten Werke im Ausland, vergeben Lizenzen für zentrale Technologien und prägen globale Standards.
So hat BYD beispielsweise eine Lizenz für seine E-Plattform 3.0 an Toyota und für seine Blade-Batterietechnologie an Hyundai vergeben. Unterdessen haben sieben ASEAN-Länder den Ladestandard des Unternehmens für Elektrofahrzeuge übernommen. Diese Technologie-Lizenzvereinbarungen helfen den globalen Automobilherstellern, die Entwicklung ihrer eigenen Elektrofahrzeuge voranzutreiben, und tragen gleichzeitig zur Etablierung gemeinsamer Standards bei, von denen die Märkte ganzer Regionen profitieren.
Als ein weiteres Beispiel hat XPENG sein System für autonomes Fahren der zweiten Generation sowie den selbst entwickelten Turing-KI-Chip für den weltweiten Einsatz an Volkswagen geliefert. Diese Technologien wurden zunächst in China getestet, bevor sie in Europa und Südostasien zur Anwendung kamen.
„Diese Zusammenarbeit zeugt von gegenseitigem Vertrauen und einem gemeinsamen Bekenntnis zu Innovationen bei Schlüsseltechnologien für intelligente Elektrofahrzeuge“, so He Xiaopeng, Vorstandsvorsitzender von XPENG.
Besucher am Stand der chinesischen Automarke Xpeng während der GAIKINDO Indonesia International Auto Show (GIIAS) 2025 in der Indonesia Convention Exhibition in Tangerang, Provinz Banten, Indonesien, am 24. Juli 2025. (Xinhua/Cen Yunpeng)
Aufbau von Marken und Servicestrukturen
Heute prägen elegante „Markenerlebniszentren“ von BYD, GAC und XPENG das Stadtbild in den Geschäftsvierteln vieler Städte in Europa, Südostasien und dem Nahen Osten. Mit beeindruckenden Präsentationen und professionellen Mitarbeitern vor Ort haben sie das alte Image chinesischer Autos als „billig und minderwertig“ grundlegend verändert.
Für die Kundenbetreuung haben BYD und XPENG Servicezentren in ganz Europa, im Nahen Osten und in Lateinamerika eröffnet, um den Kunden vor Ort umfassende Dienstleistungen rund um den Kauf und den Unterhalt ihrer Fahrzeuge anzubieten.
Um lange Reparaturzeiten und Ersatzteilmangel im Ausland zu vermeiden, hat GAC regionale Ersatzteillager in Europa, Thailand und Panama eingerichtet, die jeweils über 3.000 Komponenten führen und so Reparaturzeiten um die Hälfte verkürzen. BYD nutzt zudem seine Werke im Ausland für die lokale Versorgung mit Ersatzteilen. Für die Kunden vor Ort bedeutet dies kürzere Wartezeiten und geringere Wartungskosten, wodurch aus einem einmaligen Kauf ein langfristig positives Fahrerlebnis wird. Für die jeweiligen Länder schaffen diese lokalen Einrichtungen hochwertige Arbeitsplätze und fördern den Aufbau einer einheimischen Wartungsindustrie für Elektrofahrzeuge.
Über das Branding hinaus engagieren sich chinesische Automobilhersteller außerdem aktiv vor Ort. Im Februar trat GAC Mexico dem mexikanischen Verband für Elektromobilität (Electric Mobility Association, EMA) bei, um die Verbreitung von Elektrofahrzeugen, den Ausbau der dazugehörigen Infrastruktur und die Entwicklung des Marktes für emissionsarme Technologien zu fördern.
„Die EMA ist ein unverzichtbarer Partner, mit dem wir Hand in Hand zusammenarbeiten möchten, um gemeinsam die Transformation des Verkehrswesens in Mexiko voranzutreiben“, erklärte Rafe Huang, Präsident von GAC Mexico.
Chen Shihua, stellvertretender Generalsekretär der CAAM, führte den Exportboom bei NEVs auf die stabilen Lieferketten des Landes, Skaleneffekte und die rasche Entwicklung intelligenter Funktionen wie autonomem Fahren und Interaktion im Fahrzeuginnenraum zurück. „Diese Vorteile verbessern die Wettbewerbsfähigkeit der Produkte immer weiter und erleichtern deren Anpassung an die Bedürfnisse ausländischer Kunden.“