
Ein Blick über das Dorf Zhaoxing der Dong-Nationalität im Kreis Liping, Autonome Präfektur Qiandongnan der Miao- und Dong-Nationalität in der südwestchinesischen Provinz Guizhou. (People's Daily Online/Michael Kurtagh)
An manchen Orten beruhigt sich die Welt um einen herum. Das Dorf Zhaoxing der Dong-Nationalität lässt einen innerlich zur Ruhe kommen. Und wenn man einmal dort war, fühlt es sich wie ein kleiner Verrat an, wieder wegzugehen.
Eingebettet in die Berge des Kreises Liping in der Autonomen Präfektur Qiandongnan der Miao- und Dong-Nationalität der Provinz Guizhou liegt das Dorf Zhaoxing in einem kleinen Talkessel, so als würde es von den umliegenden Hügeln umarmt werden. Auf Pfählen errichtete dunkle Holzhäuser erheben sich in Reihen entlang eines Baches. Sonnenlicht fällt auf Holz, das durch Regen und Menschenhand über die Jahrhunderte glatt poliert wurde. Die Trommeltürme, das markanteste architektonische Vermächtnis der Dong-Nationalität, ragen wie stille Wächter in den Himmel. Doch Zhaoxing ist alles andere als leise.

Ein bei Nacht beleuchteter Trommelturm in Zhaoxing. (People's Daily Online/Michael Kurtagh)
Am Abend erwacht das Dorf zum Leben. Kinder rennen auf der Hauptstraße einander hinterher und ihr Lachen hallt weit durch die von Laternen erleuchteten Gassen. Irgendwo in der Nähe treffen sich ein paar Einheimische mit Musikinstrumenten, deren Klang durch die warme Luft der Nacht schwingt – eine Musik, locker und gemächlich, nicht für ein Publikum aufgeführt, sondern aus purem Spaß an der Freude gespielt. Touristen schlendern herum, ganz in der Tracht der Dong gekleidet. Und über allem leuchten die Trommeltürme vor dem Dunkel der Berge, ihre Umrisse spiegeln sich im darunter fließenden Bach. Man steht einfach still da und lauscht, ohne sich zu bewegen, aus Angst, dieser schöne Moment könne schon gleich wieder vergehen.
Dann lädt einen jemand ein, sich hinzusetzen und zu essen.
Es gibt Fisch in saurer Suppe, den man so schnell nicht wieder vergessen kann. Die Brühe ist ein kräftiges Rot aus fermentierten Tomaten und wilden Chilis und wird noch immer sprudelnd heiß an den Tisch gebracht, würzig und feurig zugleich. Beim gemeinsamen Essen aus dem Topf in einem generationenalten Holzhaus wird einem wieder bewusst, warum Menschen überhaupt reisen.

Fisch in saurer Suppe, ein beliebtes Gericht in Guizhou, aufgenommen im Dorf Zhaoxing. (People's Daily Online/Yuan Meng)
Das Beeindruckendste an Zhaoxing ist jedoch nicht das Dorf selbst, sondern die Anreise, die diesen Moment erst möglich gemacht hat.
Vor noch nicht allzu langer Zeit nahm diese Reise mehrere Tage in Anspruch. Allein einen ganzen Tag benötigte man, um von der Provinzhauptstadt Guiyang nach Kaili zu gelangen. Am darauffolgenden Tag stand dann noch eine holprige Busfahrt an, um das Dorf zu erreichen. Schlechte Straßen und die abgeschiedene Lage hielten die Außenwelt lange Zeit auf Distanz. Wirtschaftliche Perspektiven lagen in ebenso weiter Ferne. Als eine der größten Gemeinden der Dong-Nationalität kämpfte Zhaoxing über Jahrzehnte mit der doppelten Belastung durch schlechte Verkehrsanbindung und schwache wirtschaftliche Grundlagen.

Ein traditionelles auf Pfählen errichtetes Gebäude der Dong in Zhaoxing, geschmückt mit Fahnen, die durch die von der Volksgruppe entwickelte Batiktechnik gefärbt wurden. (People's Daily Online/Michael Kurtagh)
Doch das sieht inzwischen völlig anders aus. Heute ist Zhaoxing gerade einmal fünf Kilometer vom nächsten Bahnhof an der Hochgeschwindigkeitsstrecke entfernt. Die dadurch ausgelöste Entwicklung des Dorfs ist beachtlich. Als China 2020 die extreme Armut erfolgreich bekämpft hatte, hatten vor Ort schon über 800 Haushalte mit fast 3500 Menschen durch Tätigkeiten im Tourismus die Armutsgrenze überwunden. Auch in der weiteren Umgebung profitierten über 15.000 Einwohner von den neuen Möglichkeiten.
Das Ausmaß, das dieser Boom mittlerweile erreicht hat, ist bemerkenswert. 2025 begrüßte Zhaoxing über 1,51 Millionen Besucher und verzeichnete Gesamteinnahmen von mehr als 1,5 Milliarden Yuan (knapp 200 Millionen Euro) aus dem Tourismus.
Doch Statistiken zeigen nur einen Teil der Wahrheit. Der wichtigere Teil offenbart sich in den Gesichtern der Einheimischen – Menschen, die durch den Tourismus nicht nur überleben, sondern auf ihrem eigenen Boden und in ihren eigenen Häusern mit ihm richtiggehend aufblühen.

Einheimische in Zhaoxing ruhen sich tagsüber unter einem Trommelturm aus. (People's Daily Online/Michael Kurtagh)
Die Kultur blieb dabei lebendig und intakt. Das „Große Lied der Dong“ erklingt noch immer in der Abendluft. Diese jahrhundertealte Tradition eines mehrstimmigen Chorgesangs wurde von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt, blieb aber nicht konserviert wie in einer Glasvitrine, sondern ist nach wie vor quicklebendig. Das Dorf hat sein Tourismusmodell genau auf den Dingen aufgebaut, die vor Ort bereits vorhanden waren: die Musik, Kunsthandwerk, Küche, Architektur und die Herzlichkeit seiner Bewohner. Die Effekte beschränken sich nicht nur auf finanzielle Gewinne. Die Einwohner haben auch substanzielle Verbesserungen ihrer Infrastruktur und Bildung erfahren und – wohl ähnlich bedeutend – ein tieferes Selbstbewusstsein dafür entwickelt, wer sie sind und woher sie kommen.

Traditionelle Pfahlhäuser säumen beide Seiten eines Bachs im Dorf Zhaoxing. (People's Daily Online/Michael Kurtagh)
Zhaoxing ist der Beweis dafür, dass Tradition und Fortschritt keine Gegensätze sind und dass ein Dorf wachsen kann, ohne seine Identität zu verlieren. Denn die beste Art der Entwicklung ist die, bei der die Menschen, die sie gestalten, auch diejenigen sind, die sie Tag für Tag genießen können.
Ein Tag ist nicht genug. Die Zeit reicht gerade aus, um den Ort schon zu vermissen, bevor man ihn überhaupt erst verlassen hat.