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Chinas Fahrradboom befeuert neue Welle gesundheitsbewussten Konsums

Freitag, 18. September 2026 Quelle :


Ein Fahrradgeschäft in Suzhou in der ostchinesischen Provinz Jiangsu am 16. April 2026. (Foto: Xinhua)

Für das Erstsemester Miao Xuan war der Weg zur Universität mehr als nur eine Fahrt in eine neue Stadt. Es war eine Radtour über 706 km, die ein neues Kapitel in seinem Leben einläutete.

Als begeisterter Outdoor-Sportler hatte sich Miao gemeinsam mit seinem Vater, einem leidenschaftlichen Radfahrer, von der ostchinesischen Provinz Fujian aus auf den Weg gemacht. Im Durchschnitt legten die beiden etwa 70 km am Tag zurück und durchquerten innerhalb von zehn Tagen drei Provinzen, bis sie schließlich in Nanjing in der Provinz Jiangsu ankamen, wo Miao sein Studium an der Universität beginnen wird.

„Die Fahrt war anstrengend, aber Rad zu fahren fühlte sich toll an“, so Miao. Er habe vor, wann immer sich die Gelegenheit biete, mit dem Rad neue Städte zu erkunden. „Das Radfahren hält mich nicht nur körperlich fit, sondern belebt auch meinen Geist und hilft mir, Konzentration und Ausdauer zu stärken.“


Werkhalle eines Fahrradherstellers in Suzhou, 16. April 2026. (Foto: Xinhua)

Am Donnerstag war World Cycling Day. Bevor China zum größten Markt und Produzenten von Autos avancierte, war es vor allem als das „Königreich des Fahrrads“ bekannt. Noch heute ist das Land der größte Hersteller von Fahrrädern weltweit.

Trotz des Aufstiegs des Elektroautos und des Ausbaus öffentlicher Nahverkehrsnetze bleiben Fahrräder in China weiterhin ein beliebtes Verkehrsmittel. Tatsächlich erleben Fahrräder derzeit eine gewisse Renaissance, da immer mehr junge Menschen sie als spannende Möglichkeit entdecken, sich fortzubewegen und aktiv zu bleiben.

Für den Radenthusiasten Li Bin aus Wuxi in der Provinz Jiangsu sind Fahrten entlang der Ufer des Taihu-Sees inzwischen zu einem festen Ritual geworden. Ausgestattet mit Schutzausrüstung wie Helm und Schutzbrille rast er oft über die Strecken am Seeufer.

„Ich habe in erster Linie angefangen, um abzunehmen, und der Effekt war klar ersichtlich. Mit der Zeit habe ich mich dann in den Sport verliebt“, erklärt Li, der seit ungefähr zwei Jahren Rad fährt.

Obwohl in chinesischen Städten überall Leihräder stehen, kaufen immer mehr junge Leute lieber ein eigenes Fahrrad. Diesen Fahrradfans erscheint der Besitz eines Fahrrads wie eine Investition in einen gesünderen Lebensstil.

„Mein erstes Rad kostete 2.500 Yuan (rund 325 Euro). Vor Kurzem habe ich mir ein neues zugelegt, das mich inklusive Zubehör ungefähr 10.000 Yuan gekostet hat“, so Li.

Laut einem Bericht der Allgemeinen Sportverwaltung Chinas über die Entwicklung der Outdoor-Sport-Branche gab es zum Stand August letzten Jahres im ganzen Land über 130 Millionen Radfahrer. Der Produktionswert der Fahrradindustrie erreichte zu jenem Zeitpunkt 300 Milliarden Yuan. Auf der chinesischen Lifestyle-Sharing-Plattform Xiaohongshu haben Inhalte rund ums Radfahren Milliarden von Aufrufen erzielt.


Servicestation für Fahrräder in einem Park in Suzhou am 14. September 2026. (Foto: Xinhua)

In einem Fahrradladen in Nanjing reihen sich im Ausstellungsraum Fahrräder in verschiedensten Designs und Ausführungen aneinander. „Die Kunden kaufen Fahrräder nicht mehr nur nach dem Aussehen. Sie achten auch auf die Materialien des Rahmens und das Gesamtdesign“, betont die Filialleiterin Zhang Lan.

Zu den aktuellen Bestsellern gehörten Rennräder und Mountainbikes zwischen 2000 und 5000 Yuan, so Zhang. Der Laden, der vor weniger als sechs Monaten öffnete, hat bereits mehr als 600.000 Yuan Umsatz erwirtschaftet.

Giant, ein weltweit renommierter Hersteller hochwertiger Fahrräder, gab an, inzwischen über 3000 Filialen in China zu betreiben. Das Unternehmen hat sogar eine eigene Modellreihe für Frauen auf den Markt gebracht, deren Designs auf die Körperformen und ästhetischen Vorlieben von Frauen zugeschnitten sind, da immer mehr Frauen Fahrrad fahren und die entsprechenden Ausgaben immer weiter steigen.

Die Bandbreite der fahrradbezogenen Anschaffungen reicht über die Räder selbst hinaus und umfasst auch Zubehör wie Helme, Beleuchtung, Radbekleidung, Schutzbrillen und Action-Kameras, wodurch zunehmend spezialisierte Marktsegmente entstehen.

Nach einer Branchenprognose des Beratungsunternehmens Beijing Boyan Zhishang Information Consulting Co., Ltd. wird der Markt für Fahrradausrüstung 2026 voraussichtlich einen Wert von 32,29 Milliarden Yuan erreichen, ein Plus von 12,6 Prozent zum Vorjahr. Der gesamte Fahrradmarkt überschreitet demnach die Marke von 60 Milliarden Yuan.

Jenseits von traditionellen Fahrrädern und Zubehör eröffnen Technologien der Industrie neue Wachstumsfelder.

Ein intelligentes Fahrrad der Tianjin Golden Wheel Bicycle Group erlaubt es seinem Nutzer, sich mit anderen Radfahrern in der Nähe zu vernetzen, in Echtzeit zu chatten und über eine App Fahrradgruppen zu bilden. Eingebaute Sensoren können außerdem die körperliche Verfassung des Fahrers überwachen und gleichzeitig aus der Ferne technische Hilfe bei Fehlersuche und Wartung leisten.

„Das neueste Smart-Bike verfügt über Künstliche Intelligenz, die über die Gewohnheiten des Fahrers lernt und die Straßenverhältnisse bewertet. Dies erleichtert das Radfahren und macht längere Fahrten möglich“, erläutert Li Zhenkun, Marketingdirektor des Unternehmens, das jährlich mehr als 2 Millionen Fahrräder produziert und in über 120 Länder und Regionen exportiert.

Mit der wachsenden Bedeutung eines gesünderen Lebensstils entwickelt sich Radfahren von einem funktionalen Bedürfnis zu einer bewussten Konsumentscheidung, wobei Verbraucher zunehmend Wert auf Fahrerlebnis, Produktdesign, smarte Technologien und ökologischen Nutzen legen, ergänzt Li.

Der Boom wird nicht nur von der Nachfrage der Verbraucher, sondern auch von einem stetig wachsenden Netz an Fahrradinfrastruktur befeuert.

2024 erließ China eine Richtlinie, die einen stärkeren Ausbau des langsamen Stadtverkehrs, einschließlich separater Fahrradspuren, verlangt. Ein im Mai 2026 veröffentlichter Plan zur Stadterneuerung für den Zeitraum 2026–2030 sieht ebenfalls den Bau und die Sanierung von Gehwegen und Spuren für nicht motorisierte Fahrzeuge vor, um umweltfreundlichere städtische Verkehrssysteme aufzubauen.

In ganz China reagieren die Städte darauf, indem sie fahrradfreundlichere Bedingungen schaffen.

In Shanghai wurde eine 45 km lange Radstrecke entlang des Huangpu-Flusses angelegt, die vom Bund bis zum Xuhui-Ufer durchgehend befahrbar ist. Im Pekinger Stadtbezirk Tongzhou sind die Radwege entlang des Kaiserkanals mit intelligenten Beleuchtungssystemen und Rastplätzen inklusive Erste-Hilfe-Kästen ausgestattet. Bei einigen U-Bahn-Linien in Peking dürfen Fahrgäste inzwischen ihre Fahrräder mit in die Bahn nehmen. Durch diesen Probebetrieb können die Menschen den letzten Abschnitt ihres Arbeitswegs leichter zurücklegen.

Diese Verbesserungen strahlen auch auf Teile der Wirtschaft aus, die nicht zur Fahrradbranche gehören.

Viele Städte griffen auf ihre Naturlandschaften und ländlichen Ressourcen zurück, um Radwege auszubauen und Radveranstaltungen zu organisieren. Dadurch kurbelten sie direkt die Nachfrage nach Privatunterkünften, Restaurants und ländlichem Tourismus an, erklärt Wang Zongping, Professor an der Nanjing University of Science and Technology.

„Die aufstrebende Fahrradkultur Chinas spiegelt nicht nur die immer vielfältigeren Geschäftsfelder rund um das Radfahren wider, sondern auch die Lebensqualität und Attraktivität städtischen Lebens. Das zeigt die Vitalität des modernen Stadtlebens“, so Wang.